Das Tasting

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Hier sitze ich nun ich armer Tropf. Mit einem blauen Auge, Brummschädel und schreibe frustriert ein Manifest

gegen die Whiskyindustrie und deren Helfershelfer.

Tippen kann ich nur mit der linken Hand, denn die rechte ist bandagiert.

Und das kam so:

 

Es wird einem ja immer nahegelegt, man solle sich weiterbilden, ein Leben lang lernen.

Da ich meine Schul- und Berufsausbildung lange hinter mir hab und überhaupt keine Lust mehr auf Abendschulen,

um z.Bsp. mein Englisch aufzumöbeln, suchte ich nach etwas Neuem, Anderen, Aufregenden.

Ich fand es auch und Aufregend war es in jedem Fall.

 

Beim letzten Pubbesuch sprang mich folgendes Plakat  an:

 

                 Special Whisk(e)y Tasting !!

                 jeden 3ten Sontag im Monat

                             hier im Pub

                         20€ pro Person

                     Einlass ab 18:00 Uhr

 

That`s it! Von Whisky hab ich wenig bis keine Ahnung, doch hier lässt sich mein Defizit ausgleichen.

Ich melde mich also am Tresen an.

>Ob ich denn schon mal an einem Tasting teilgenommen hätte<, fragt mich der Barkeeper vorsichtig.

Ich verneine und frag warum. >Na ja, man muss schon was abkönnen<, meint er darauf.

Was er denn mit „was abkönnen“ meine, hacke ich nach.

Mit hochgezogener Augenbraue klärt er mich auf. >Wegen dem vielen Alkohol halt. Es sind immerhin mindestens

5 Whiskys und die meisten trinken auch noch ein paar Guinness dazwischen. Da geht schon was aufs Klärwerk.<

Hochmütig winke ich ab und erzähle ihm von ungezählten durchzechten Nächten diverser Schottlandurlaube

und überhaupt sei das für mich ja wohl kein Problem.

Gesagt, und auch getan.

 

Punkt 18:00 Uhr erscheine ich also an jenem Sonntag in meinem Lieblingspub. Der Laden ist bereits brechend voll.

Menschen mit erwartungsvoll leuchtenden Augen, vertieft in mir rätselhafte Whiskykonversation. Ich lausche ein wenig,

verstehe nur Bahnhof und hoffe heute Abend so viel zu lernen, dass ich das nächste Mal dazugehöre und auch

so geheimnisvolle Gespräche führen kann.

Ich halte mich zurück, denn ich finde kein vertrautes Gesicht und will mich erst einmal orientieren.

 

Der Laudator verspätet sich. Dummerweise bin ich schon mit Durst gekommen und bestell mir schon mal eine Pint.

(Der Anfang vom Ende, wie sich bald herausstellen soll)

 

Ein großer bebrillter, bärtiger Bär von einem Mann mit beeindruckendem Bauch betritt die Kneipe. Wunderbar!

So stell ich mir einen in sich selbst ruhenden, bebrillten, bärtigen, bärigen Whiskytrinker mit Bauch vor.

Das muss der, zweifellos schottische, Veranstalter sein. Ich bestelle mein zweites Guinness, denn der Vortragende

ist zwar jetzt da, aber nicht die dazugehörige Whiskylieferung.

 

Ich schau mich um, ob sich noch jemand erbarmt und einem Unwissenden den hier eindeutig herrschenden

Verhaltens- und Gesprächskodex erläutert. Doch niemand interessiert sich für mich. Dass dies mein erstes Tasting ist,

scheint mir ins Gesicht geschrieben.

 

Als die Lieferung schließlich eintrifft, hab ich gerade mein Drittes geordert. Mit irgendetwas muss ich mich ja beschäftigen.

Mitreden darf ich wohl noch nicht.

Inzwischen mach ich mir meinen ersten Freund, indem ich meinen Tresennachbarn leichtsinnigerweise frage,

ob er heute Abend seine Whiskys bevorzugt mit Eis oder doch eher mit Cola trinkt.

Da  schaut er mich an als hätte ich ihn gefragt ob er mir seine Freundin heute Abend leihen kann.

(Er geht  ja lieber saufen, als sich um sein Mädel zu kümmern)

Er dreht sich wortlos um und ich stehe wieder alleine am Tresen.

Bin ein wenig frustriert und bestelle mir mein viertes Bier.

 

Dann endlich.

Hans (aus Fürth-Bislohe wie sich herausstellt!), so heißt mein schottischer Bär unpassenderweise, eröffnet das Tasting.

Er erzählt von der Geschichte des Whiskys. Wer ihn erfunden haben soll, was ein Blend, ein Malt,ein Grain ist

und dass keiner so genau weiß warum die Schotten Whisk(e)y ohne „e“, die Amis und Iren das gleiche Wort mit „e“ schreiben.

Ich frage mich warum er das überhaupt erzählt, wenn er es eh nicht weiß.

Die modernen Produktionsmethoden und die früheren werden ebenso erwähnt, wie die Tatsache dass die meisten

Brennereien inzwischen irgendwelchen Großkonzernen gehören, die in Japan, Indien und sonst wo sitzen.

Und so weiter und so fort...

 

Das Ganze zieht sich dann ein wenig. Etwas romantischer hab ich mir das schon vorgestellt und bin jetzt doch etwas

enttäuscht vom 21ten Jahrhundert. Ich tröste mich mit einem weiteren Guinness (Nr.5)

Hans erklärt, dass die Verkostung mit den „Sanften ohne Torf“ beginnt und bei den „Geräten mit ordentlich Umdrehungen

und 140ppm Rauch“ endet. Ich bin verwirrt und lass es einfach geschehen. Dass ich nichts begreife, kann natürlich auch

daran liegen, dass ich schon einen kleinen Seier hab.  Ich beschließe, etwas langsamer zu trinken.

Dann wird auch noch kurz, aber mit Nachdruck erklärt, dass hier und auch sonst gefälligst „Nosing-Gläser“ zu verwenden sind.

Die haben nichts mit den üblichen Whiskybechern zu tun, sondern sehen eher aus wie kleine schmale Cognacschwenker.

Bitteschön!

 

Jetzt aber. Ich lausche gespannt!

Als erstes kommt ein „Glenmorangie Original 10 Jahre“

Dieser sei frisch, blumig und malzig, die Standardabfüllung eben und leicht zu trinken, wird erklärt.

Bevor er weiter ausholt, frage ich dazwischen, ob es denn auch eine Fälschung gäbe, wenn dies das Original sei.

Und ob die noch kommen, denn schwerer zu trinken seien.

Um die 50 Köpfe drehen sich zu dem Trottel, der diese Frage gestellt hat.

Hans erklärt mir Anfänger geduldig, dass dies eben die Standardabfüllung sei und deswegen halt Original heiße

und die folgenden, aufgrund der Stärke, vielleicht ein wenig langsamer getrunken werden.

Ich meine noch ein bekräftigendes „du Depp“ zu hören. Bild ich mir aber wahrscheinlich nur ein.

Also gut!

Das Publikum süffelt andächtig eine geschlagene halbe Stunde an ihrem Stamperle und findet ihn frisch, blumig und malzig.

Ich finde der Whisky schmeckt nach Whisky, behalte es aber für mich.

  

Der nächste nennt sich verheißungsvoll „Glenrothes Select Reserve“

 

Eiche, Vanille und Kokosnuss fänden sich hier. Die Vanille korrespondiere wunderbar mit den zarten Orangen.

Der Abgang sei mittelang und trocken, wird salbungsvoll verkündet.

Was ??? Ich schau noch mal auf das Plakat, ob ich nicht versehendlich auf einer Kokos-Orangenlikör-Verkaufsveranstaltung

gelandet bin. Das Publikum schwenkt, kuckt, riecht und schlürft, dass es eine Freude ist. Ich kipp ihn die Kneipenpalme,

denn ich hab eine Kokosnussallergie. Zwischenfrage stell ich keine, mir schwant, dass es noch besser kommt.

 

Ein “Glengoyne 1996 La Nerthe Blanc Finish“ (fast 80€ die Flasche!) kommt auf den Tisch.

Ich muss den Originalkommentar von meinem Freund Hans etwas kürzen, ging aber ungefähr so:

Fruchtig trockene Aromen von Ananas, Citrus und Süßholz (das ist Lakritze!!!).Trotz 52,5% erstaunlich weich.

Im Abgang lange süß, mit Anflügen von exotischen Gewürzen sowie feine Eiche………..

Ich bin sprachlos. Ich kenne weder das „berühmte alte Weingut La Nerthe“, noch erschmecke ich irgendeine Holzsorte.

Außerdem brennt mir nach dem ersten Schluck, auf gut fränkisch, so was von die Waffel, dass ich sofort mit meinem

sechsten Guinness nachspülen muss.

Wo denn um Gottes Willen die Ananas herkomme, will ich mit schwerer Zunge wissen und ob es hilft Schreiner zu sein

um die Holzsorte zu erraten….

Die versammelte Kneipe beginnt mich zu beschimpfen und kann nur mit Mühe von Hans beruhigt werden.

Ich kann mich inzwischen leider nicht mehr sehr selbst verteidigen, denn meine Zunge ist verätzt und nahezu gefühllos.

Ich hab ein wenig Angst vor dem was noch kommt.

 

„Bowmore Darkest 15 Jahre“ schimpft sich das nächste Probiererle.

Hans erklärt, dass jetzt die Rauchfraktion dran sei. (!?) Ich beschwere mich mühsam und verweise auf das geltende

Nichtraucherschutzgesetz. Wieder werde ich beschimpft, mit der Ergänzung, dass ich bei der nächsten blöden Bemerkung

draußen weitertrinken kann! Bitteschön, bin ja schon ruhig!

Ich wundere mich nicht mehr über Rosinen, dunkle Schokolade, Zedernholz und Karamellsirup.

„Zarte“ Rauchigkeit habe ich zu erkennen.

Trotz meiner anestäsierten  Zunge erschmecke ich bestenfalls eine der Brandstiftung zum Opfer gefallene Distillerie

in dem Gesöff, sage dies aber lieber nicht laut.

Hans erläutert weiter, dass der Whisky noch ein paar Jährchen in einem alten Sherryfass „gefinischt“ wurde,

um dessen Geschmack anzunehmen. Ich kann dann doch nicht aus meiner Haut und mein Vorschlag,

dann könne man doch gleich den Sherry in den Whisky kippen, das wäre mit wesentlich weniger Aufwand verbunden,

kam nicht sonderlich gut an.

Ich werde von einem designerbrillentragenden Endvierziger aufgefordert, endlich den Mund zu halten, sonst könne

ich schon mal einen Zahnarztbesuch einplanen.

Meinen Kummer und offensichtlichen Dilletantismus ertränke ich im nächsten Guinness.

 

Jetzt kommt’s. Ich sage nur „Octomore“

 Whiskykennern brauch ich nicht zu sagen was das heißt!

Ich verstehe noch: „…der stärkste seiner Art weltweit…“ und „Gerät..“ sowie „nichts für Weicheier..“

Ein Weichei will ich natürlich nicht sein und schütt ich mir das Ding etwas voreilig in den Hals. Sieben Guinness machen mutig.

Was dann kommt, weiß ich nicht mehr so genau. Was 140 ppm bedeuten auch nicht, nur eins:

flüssige Lava zerstört mir die Speiseröhre, meine Zunge explodiert und Tränen schießen mir in die Augen.

Mit den Händen am Hals torkle ich röchelnd durch die Stuhlreihen. Ich komme erst zum stehen, oder besser gesagt zum liegen,

als ich blind vor Schmerz gegen die Dartscheibe renne.

 

Als ich die wieder Augen öffne, beugt sich eine leicht unscharfe Menschentraube über mich. Einer flöst mir Wasser ein,

einer bringt den Verbandskasten, und noch einer nennt mich Vollidiot. Ich meine noch „Kneipenverbot“ zu hören,

dann schwinden mir erneut die Sinne.

 

Als ich wieder zu mir komme, lieg ich auf dem Tresen. Mit Verband am Kopf und Kühlakku auf dem Auge.

Was den mit meinem Kopf los sei, frage ich den schottischen Hans und woher mein dickes Auge komme.

>Du hast eine blutende, spiegelverkehrte 20 auf der Stirn. Von der Dartscheibe!< erklärt er mir schadenfroh.

>Aber der Blinker ist von mir< fügt er ein wenig stolz hinzu.

Ich will eine Erklärung.

>Als du das erste Mal aufgewacht bist, hast du mich des versuchten Mordes an meinen Kursteilnehmern bezichtigt,

mich gefragt ob es sein kann, dass wir hier ordentlich gelöffelt werden.

Welcher Whiskyproduzent verräuchere schon absichtlich sein Gesöff derart, dass er schmeckt wie ein 20 Jahre

alter Schinken aus Andalusien und Abbeizer habe auch nichts im Whisky zu suchen.

>Da ist mir die Hutschnur gerissen und hab dir eine mitgegeben.<

 

Hans bittet mich, diesmal höflich, die Veranstaltung zu verlassen und nie, nie mehr wieder zu kommen.

 

Sehr Kleinlaut verlasse ich die Kneipe. Zu allem Überfluss verpasse ich Schottlandgeschädigter die erste Treppenstufe

und leg mich längs auf den Gehsteig. Meine rechte Hand will mich abfangen, gibt aber materialbedingt nach.

Ich rapple mich wieder auf, gehe meines Weges und setzte mich erst mal auf die nächste Parkbank.

Einsam lehne ich den Kopf zurück, den Kühlakku auf dem Auge, halte mein lädiertes Handgelenk und jammere

ein wenig vor mich hin.

 

Ich scheine Mitleid zu erregen, so traurig auf der Bank.

Ein vorbeikommender Spaziergänger beugt sich zu mir und fragt vorsichtig ob er mir was Gutes tun kann.

Dankend lehne ich ab und frage den verblüfften Mann, ob er gedenke sich irgendwann weiterzubilden.

Jetzt scheint er sich ernsthaft Sorgen zu machen und greift schon nach dem Handy. Für den Psychatrienotruf vermutlich.

Ich winke beschwichtigend ab und sag es geht mir gut. (Ist zwar gelogen aber was soll’s)

>Weiterbilden?< fragt er fassungslos nach.

Falls er vorhat, seinen Horizont zu erweitern, lalle ich, kann ich ihm ein fabelhaftes Whiskytasting empfehlen.

Hier gleich ums Eck. Ich kann aber leider nicht mit. 

 

Denn ich mag keinen Whisky. Nie mehr!

 

                                                                                                                                                                                         S.M. 2009