Mein Regal

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Ich wollte nie zu den Leuten gehören, die in irgendeiner Form, irgendeinem Extremismus anhängen.
Auch wollte ich keine Leidenschaft so weit treiben, dass ich derselben zu verfallen drohe.
Leute, die exzessiv Kaffeekannen sammeln, sind mir, nein- waren- muss ich leider sagen, suspekt.

Nun sammle ich, natürlich dem Inhalt meines Geldbeutel angepasst, Whisky. Trinke ihn selbstverständlich auch

und hebe die geleerten Flaschen schön in einem Regal auf. Zum Angucken halt. (Schon die erste Suchtstufe?)

Mit der Zeit kommen da so manche Flaschen zusammen. Meine insgesamt 4 laufenden Meter Regalbretter
sind inzwischen voll. Ist ja auch etwas knapp bemessen finde ich. Hab also angebaut. (Stufe 2?)

Schade ist auch, dass in leeren Flaschen naturgemäß nichts mehr drin ist. Also füll ich jetzt rechtzeitig kleine
4cl Fläschchen ab, um diese aufzuheben (oh dieses Wort!) und stelle sie dann in mein schönes neues Anbauregal.
(Stufe 3 vermutlich)

Richtig klasse ist, dass rund um den Whisky so mancherlei Zubehör angeboten wird.
Miniflaschen, Marmelade mit Whisky drin, Nosinggläser, Alkoholgehaltmessgeräte, Bartowels, Wasserkrüge, Aschenbecher,

Serviertabletts und andere nützliche Dinge. Machen sich auch nicht übel im Regal. Na ja, außer der Marmelade vielleicht.

Ans Anbauregal kommt ein Anbauregal (Ich befürchte Stufe 4)

Da bei um die 100 produzierenden Brennereien mit, im Schnitt 10 verschieden Sorten, so um die 1000 Flaschen

erworben werden müssten, beginne ich Strategien zu entwickeln, wie ich an möglichst viele Sorten komme

ohne unsere kleine Familie in die Privatinsolvenz zu stürzen. In dieser Nacht träume ich zum ersten Mal von

planetenumspannenten Regalbrettern. (Locker Stufe 5)

In der folgenden Nacht fällt mir schlagartig ein, dass die 1000 Flaschen ja eigentlich gar nix sind.

Die noch erhältlichen alten Flaschen und die ständigen Neuerscheinungen waren in meiner Rechnung dummerweise noch

gar nicht berücksichtigt. Ich überschlage daraufhin nachts um Dreiviertelvier, dass ich mit ca. 6000 am Markt erhältlichen

Flaschen zu rechnen habe. Das sind allerdings nur die unterhalb von 300€/Flasche. Ich kann nicht mehr einschlafen

und gehe frühstücken, schmiere mir ein Whiskymarmeladenbrötchen und mache mir zum ersten mal Gedanken

ob das alles sein muss. (Bravo! Zurück auf Stufe 3)

Inspiriert durch meinen leckeren Brotaufstrich, kommt mir die Idee mit unserem Whiskybestellkollektiv.
Wenn ich meine Freunde und Arbeitskollegen für die Idee gewinne, könnten ganz uneigennützig verschiedenste Flaschen

bestellt und gegenseitig Probefläschchen getauscht werden. Ist zwar Mengenmäßig pro Person nicht der Brüller,

es kommt aber doch ein bisserl was rum. (Doch wieder Stufe 5)

Euphorisiert von meiner genialen Idee, setze ich den Gedanken in die Tat um und wie wir wissen, hat es zu unser aller

Vorteil doch tatsächlich funktioniert.

Nun bestellen wir schon seit einigen Jahren gemeinsam unsere Whiskys und es kommt so einiges zusammen.

Spaß macht es auch noch.

Die letzte Lieferung ist verkostet, abgefüllt, umgefüllt und getauscht.
Nun stehe ich wieder vor meinem Regal - und beginne zu transpirieren. Nicht ein noch so winziges Fläschlein findet mehr Platz.

Ich überlege mir, wie ich unser eben erst erstandenes Haus veräußern kann. Wie man sich nur eine so kleine Hütte kaufen kann,

wo nicht einmal ein bescheidenes Getränkeregal rein passt. Verzweifelt falle ich auf die Knie. Unter Tränen erkenne ich,

dass mir kein noch so ausgeklügeltes Ikearegalsystem aus der Patsche helfen kann. (Stufe 6, ohne Frage).

Ich kapituliere und schreibe meinen Freunden ein coming out-mail. Voller Selbstzweifel gestehe ich Anzeichen von
Alkoholmissbrauch, völlig renditenfrei investiertes Geld und krankhafte Sammelsucht. Zu allem Unglück habe ich meine Familie

vernachlässigt, sowie hochgeschätzte Freunde in Versuchung geführt, ja ins Verderben gestürzt. Sie ahnen es nur noch nicht.

Was bleibt einem! Das Fegefeuer vor Augen greife ich zur Flasche..... , einem geradezu wunderbaren Aberlour. 18 Jahre alt!

Im Sherryfass gereift. Weich, warm, herrlich, unwiderstehlich!
Ich gebe auf, lehne mich zurück und bekenne mich zu meiner Leidenschaft. Mit angezogener Handbremse allerdings.

Sowie Nachfrage bei meiner lieben Frau und Finanzministerin, ob die nächste Flasche im Budget drin ist.

Wenn nicht, dann halt ich es aus. (Toll! Ich würde sagen Stufe 1. Allerhöchstens)

Ach so, ja. Wann hab ich eigentlich gemerkt, dass es bedenklich wird? Ich wollte allen Ernstes den lila Weichmetallpfröbel

(wie heißt das Ding eigentlich?) vom BenRiach Arumaticus Fumosus,  den man abreißen muss um an den Korken zu kommen,

aufheben. Weil er so schön ist. Ist das zu glauben? Nein ist es nicht! Eben. Punkt.

 

                                                                                                                                                                          S.M. 2010